Der geschlechtliche Raum

Das Bekenntnis zum eigenen Geschlecht ist frei. Es darf von Amts wegen nicht bestritten oder nachgeprüft werden (5).

Die Biologie wird in der Regel gegen transgeschlechtliche Menschen verwendet, um sie zu invalidieren. Dabei lohnt es, aus transgeschlechtlicher Sicht, sich mit Biologie zu beschäftigen.

In der Erdfrühzeit, dem Präkambrium vor 4,56 Milliarden Jahre bis 540 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung, entsteht auf unserem Planeten das Leben. Vor 3,8 Milliarden Jahren gibt es die ersten Zeichen von Leben, aus denen schließlich Zellen mit Zellkern (Eukaryonten) hervorgehen. Ca. 1,8 Milliarden Jahre vermehren die sich durch einfache Zellteilung, sie sind potentiell unsterbliche Lebensformen.

Auf die Schnelle und visuell: Harald Lesch (Terra X) erklärt die Evolution der (trans) Geschlechtlichkeit!

Geschlecht ist eines der ältesten Phänomene in der Natur, denn es sind diese Einzeller, die vor ca. 2 Milliarden Jahren die geschlechtliche Fortpflanzung „erfinden“ und damit ihre Unsterblichkeit aufgeben. Die geschlechtliche Fortpflanzung ermöglicht eine raschere Anpassung an neue Umweltbedingungen durch genetische Neumischung und Mutation.

Nummulit. Einzeller, Leitfossil Tertiär.

Geschlechtschromosomen, wie wir sie beim Menschen kennen, gab es nicht, sie waren nicht notwendig. Die Einzeller organisierten Geschlecht und geschlechtliche Vermehrung

  1. ohne Geschlechtschromosomen,
  2. ohne primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale und
  3. ohne Gehirne.

Diese Einzeller haben sich äußerlich nicht unterscheiden, weshalb sie Isogameten genannt werden und ihre Geschlechter, wenn sie denn binär wären, werden als (+) und (-) Geschlecht bezeichnet.

Ich unterstelle der Einfachheit halber, es hätte einer weiblichen und einer männlichen Zelle bedurft, um einen neuen Einzeller entstehen zu lassen. Bei Teilung der Elternzelle (Zygote) brauchten die beiden Gameten die Information, welches Geschlecht sie jeweils haben? Da nur 20% aller männlichen und weiblichen monozygoten Zwillingspaare in der transsexuellen Identität übereinstimmen, muss diese Information bei der Teilung generiert werden (7). Wenn die Zygote selber einen Geschlechtsmarker tragen würde, müsste die Quote deutlich höher sein.

Geschlechtschromosomen und Gehirn wurden als „Letztes“ erfunden.



Es muss also einen Weg geben, wie die beiden Zellen geschlechtliche Marker bekommen haben? Die Evolution hatte gut 1,2 Milliarden Jahre Zeit, die Festlegung von Geschlecht auf der Basis von Einzellern zu organisieren. Da auch der Mensch aus zwei Zellen entsteht, ist davon auszugehen, dass diese evolutionäre Funktion der Festlegung von Geschlechtsmarkern, nach der ersten Teilung der Zygote, immer noch wirksam ist.

Das Gehirn ist es nicht

Geschlecht gab es lange vor Geschlechtschromosomen, Geschlechtsmerkmalen und Gehirnen. Erst als sich vor rund 800 Millionen Jahren die ersten mehrzelligen Lebewesen entwickelten, entstanden mit ihnen alle die Merkmale, denen wir heute die Deutungshoheit über den „biologischen“ Geschlechtsbegriff geben. Da Geschlecht lange vor Neuronen entstand, greift die These, das Geschlecht wird im Gehirn festgelegt eher nicht (10,13). Das Geschlecht kann also nicht im Gehirn „entstehen“, mithin wäre das bisher als wissenschaftlich anerkannte Identitätsmodell hinfällig. Aber als die ersten Nervenzellen (Neurone) sich entwickelten, hatten sie sicher auch Vermehrung und damit Geschlecht zu steuern.

Das hat Bedeutung für unser Denken heute. Die stammesgeschichtlich (phylogenetisch) ältesten Neuronen befinden sich in unserem Stammhirn (Reptiliengehirn), das sich vor 500 Millionen Jahren entwickelt hat. Geschlecht wird wahrscheinlich in einem Teil unseres Gehirns gesteuert, auf den wir keinen Einfluss haben und für den uns heute vielfach die Worte fehlen.

Die Psychologin Prof. Daphna Joel erklärt die Biologie des Gehirns.

Das limbisches System, das ist der Teil unseres Gehirns, mit dem wir Emotionen verarbeiten, entstand erst vor 300 Millionen Jahren. Deshalb „fühlen“ wir Geschlecht oder sexuelle Präferenz nicht, wir haben sie oder sind es. Das Großhirn entwickelte sich schließlich erst vor 200 Millionen Jahren, da gab es Geschlecht schon seit mehr als zwei Milliarden Jahren. Es ist deshalb völlig unwahrscheinlich, das Geschlecht als Seinszustand etwas mit Denken zu tun hat, geschweige denn, dass es mit Denken veränderbar wäre.

Natürlich können wir die kulturell gelebten Gender gedanklich hinterfragen und ablegen. Es gibt eine Fülle komplexer theoretischer Gedankenkonstrukte dazu, die alle ihre Berechtigung haben. Transgeschlechtlichkeit geht in der Mehrzahl aber mit einer Form körperlicher Transition einher, die ihre Ursache in der Biologie des Seins bzw. Körpers hat. Es ist damit kein „Fehler“ der Natur, sondern Transsexualität ist von der Biologie vorgesehen. Deshalb wird es eine erforschbare „Ursache“ von Geschlecht oder sexueller Präferenz niemals geben, außer wir finden heraus, wie die Einzeller das gemacht haben.

Nach einer Idee von Sabrina Symington.

Karyogamie

Die menschliche Fortpflanzung funktioniert auf der Basis von Einzellern, Keimzellen oder Gameten genannt und da scheint es streng binär zuzugehen, denn es braucht ein „männliches“ Spermium und eine „weibliche“ Eizelle. Sie können über ihre Äußerlichkeit geschlechtlich zugeschrieben werden, denn Eizellen sind größer und unbeweglich, Spermien beweglich.

Es fängt an schwieriger zu werden, wenn die Geschlechtschromosomen ins Spiel kommen. Wenn das „männliche“ Spermium mit einem halben oder haploiden Chromosomensatz entweder ein X oder Y Chromosom trägt und nach Lehrmeinung dieses das Geschlecht des Menschen bestimmt, wäre ein X tragendes Spermium noch männlich? Und wie steht es um die „weibliche“ Eizelle, die mit ihrem einem X Chromosom überlebensfähig wäre und dann zu einem Tuner-Syndrom und eher weiblichen Menschen entwickeln würde? Ändert die Eizelle ihr Geschlecht, wenn ein Y Spermium auf sie trifft und müsste eine vermeintliche Frau ihr Leben als Mann fristen?

Noch schwieriger wird es, wenn geschlechtliche Chromosomenaberrationen mit betrachtet werden. Sie kommen häufiger vor, ein X Chromosom wird Turner genannt und kommt bei 1 von 2.500 Geburten vor, die Geschlechtswahrnehmung ist weiblich bis inter*. Nur ein Y Chromosom ist nicht lebensfähig. Drei X Chromosomen XXX wird Triple-X genannt und kommt bei 1 von 800 Geburten vor, die Geschlechtswahrnehmung ist überwiegend weiblich. Die Verteilung XXY wird Klinefelter genannt und kommt bei 1 von 750 Geburten vor, die Geschlechtswahrnehmung reicht von männlich bis inter* und die XYY-Trisomie kommt bei 1 von 590 Geburten vor und die Geschlechtswahrnehmung ist überwiegend männlich.

Neben zahlreichen anderen Kombinationen spielen allerdings zahlreiche andere Chromosomen eine Rolle, die Einfluss auf die Geschlechtswahrnehmung haben.  Die Komplexität hat die US Amerikanerin Amanda Montañez in einer beeindruckenden Grafik visualisiert und die Biologin Rebecca R. Helm hat es auf Twitter einmal in wenigen Sätzen zusammen gefasst (9).

Ein Spermium kann also innerhalb der Lehrmeinung, nur bezogen auf Geschlechtschromosomen, männlich, weiblich oder geschlechtsdivers sein, die Eizelle wäre mindestens weiblich oder geschlechtsdivers. Die Welt der Gameten ist offensichtlich geschlechtlich mehr bunter als binär. Gameten haben sehr wahrscheinlich ein, mehrere oder gar kein Geschlecht. Wahrscheinlich bei der ersten Teilung der Zygote findet möglicherweise ein Prozess statt, bei dem das Geschlecht des neuen Lebewesens festgelegt wird. Allerdings weniger deterministisch,  als dass es auf Diversität hin organisiert ist, was ja der Zweck geschlechtlicher Vermehrung ist.

Wenn es so ist, dass die Gameten das Geschlecht jenseits von Geschlechtschromosomen, primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen und Gehirn festlegen, dann hat der Körper bei geschlechtsdiversen Menschen in Gänze das wahrgenommene Geschlecht. Es gibt folglich keinen Automatismus oder Zwang zur Körperveränderung, bei der Wahrnehmung geschlechtlicher Dysphorien. Menschen können sich gegen soziale Normen geschlechtlich wahrnehmen, ohne ihren Körper zu verändern.  Für den Grad notwendiger Veränderungen ist dann die individuelle Wahrnehmung von Diskrepanzen oder Dysphorien maßgeblich und nicht die Ausrichtung an einer patriarchal und kulturell festgelegten Binarität.

Biologisches Geschlecht

Selbst der Versuch, innerhalb der binären Nomenklatur ein „biologisches“ Geschlecht zu definieren, führt direkt zur Diversität. Denn dass es schwierig ist, das biologische Geschlecht durch die Geschlechtschromosomen zu bestimmen, erschließt sich aus der Karyogamie.  Das „chromosomale Geschlecht“ ist nicht so einfach, als dass aus XX automatisch weiblich oder aus XY männlich folgt.

Es gibt nur ein einziges Gen auf dem Y-Chromosom, das für Geschlecht wichtig ist. Es heißt SRY-Gen. Während der Embryonalentwicklung des Menschen aktiviert das SRY-Protein männlich assoziierte Gene. Manchmal springt dieses SRY-Gen vom Y-Chromosom auf ein X-Chromosom. Ein Y ohne SRY bedeutet, dass der Mensch körperlich weiblich, chromosomal männlich (XY) und genetisch weiblich (ohne SRY) ist. Ein X mit einem SRY bedeutet, dass der Mensch körperlich männlich, chromsomal weiblich (XX) und genetisch männlich (SRY) ist.

Geschlechtsspezifische Gene aktivieren Hormone in bestimmten Bereichen des Körpers und die Aufnahme dieser Hormone durch Zellen im gesamten Körper. „Hormoneller Mann“ bedeutet, dass der Körper „normale“ Spiegel an männlich assoziierten Hormonen produziert. Mit der Ausnahme, dass ein gewisser Prozentsatz der Frauen einen höheren Gehalt an „männlichen“ Hormonen aufweist, als ein gewisser Prozentsatz der Männer. Das Gleiche gilt für weibliche Hormone. Bisweilen produziert der Körper möglicherweise nicht genügend Hormone für das genetisches Geschlecht. Die Folge wäre, der Mensch wäre genetisch männlich oder weiblich, chromosomal männlich oder weiblich, hormonell nicht binär und körperlich nicht binär.

Zellen haben Rezeptoren, die das Signal von Sexualhormonen „hören“. Aber manchmal funktionieren diese Rezeptoren nicht. Es ist möglich, dass ein Mensch genetisch männlich oder weiblich, chromosomal männlich oder weiblich, hormonell männlich / weiblich / nicht binär sein kann, mit Zellen, die den männlichen / weiblichen / nicht-binären Ruf hören können oder nicht, und all dies führt zu einem Körper, der kann männlich / nicht binär / weiblich sein. Menschen können damit eine verwirrende Anzahl Kombinationen in ihrer biologischen Geschlechtlichkeit haben.

Es ist also möglich, dass ein biologischer Mann eine Gebärmutter hat und eine biologische Frau einen Penis.

Genitalien sind divers.

Die meisten Menschen finden sich in der Binarität wieder, entweder männlich oder weiblich. Diese Tatsache gilt auch für die meisten geschlechtsdiversen Menschen. Trotzdem wissen die wenigsten, ob ihr chromosomales Geschlecht mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmt, ob ihre Gene eine binäre Zuschreibung erlauben oder ihre Hormone und der Zustand ihrer Zellen. Der biologische Geschlechtbegriff ist selbst in einer binären Betrachtungsweise kompliziert. Aber selbst wenn die Biologie kompliziert ist – Freundlichkeit und Respekt sind es nicht.

Ontogenese

Der Mensch ist eine biologisch „junge“ Erfindung. Den heutigen Menschen gibt es seit ca. 7.500 Generationen. Nach der biogenetischen Grundregel rekapituliert die Ontogenese die Phylogenese. Wir durchlaufen in der Entwicklung von der Eizelle zum Menschen noch einmal die Entwicklung der Arten. Da das Geschlecht bei der Vereinigung zweier haploider Zellen entsteht, ist die Biologie des Geschlechts wahrscheinlich eine Biologie des Körpers und nicht einiger Teile davon.

Embryos haben alle zunächst die gleiche Menge Östrogen und bis zur 10. Woche die gleichen Genitalien. Erst ab der 6.-7. Woche werden auf dem Y-Chromosom die Gene SRY und ZFY aktiv und wandeln Testosteron zu Dihydrotestosteron (DHT) um. Nur unter diesem Einfluss entwickeln sich die primären Geschlechtsmerkmale, die als männlich definiert werden. Wir wissen ja mittlerweile, dass die biologisch geschlechtliche Festlegung des Körpers komplizierter ist (6).

Deshalb überrascht es wenig, dass das Bundesfamilienministerium in einer offiziellen Untersuchung feststellt, dass 3,3 % aller Menschen ein von ihrem Registerdaten-Geschlecht abweichendes soziales Geschlecht haben. 0,2 bis 2 % aller Menschen haben keine Übereinstimmung des augenfälligen Geschlechts mit dem erlebten Geschlecht (1).

Im Rahmen medizinischer Normierung werden heute 49 unterschiedliche Formen körperlicher Entwicklungen diagnostiziert, die mit Intersexualität angesprochen werden. Zwischen 8.000 und 120.000.Menschen in Deutschland werden als intersexuell angesehen. Das hat schreckliche Folgen für die Betroffenen. Bis zu ihrem neunten Lebensjahr werden 1.700 Kinder jährlich in Deutschland an ihren Genitalien operiert (2). Das sind ca. 5 Kinder am Tag und das passiert ohne deren Einwilligung und ohne Kenntnis deren Geschlechts.

Transgeschlechtlichkeit als Form von Intersexualität zu beschreiben ist falsch. Transgeschlechtlichkeit stellt lediglich fest, dass Individuen auf biologischer Grundlage ein oder mehrere Geschlecht/er haben, über das nur sie allein Auskunft geben können. Damit wird nur das gefasst, was eigentlich für jedes Individuum gilt. Intersexualität ist eine medizinisch diagnostizierbare und definierte Kategorie. Diese gilt nur für eine damit definierte Gruppe von Menschen.

Das Normale ist divers

Der Biologie ging es beim Thema Geschlecht von Anfang an um Diversität. Nicht eine „reine“, dichotome Art ist das Ziel, sondern Durchmischung und evolutionäre Veränderung durch Mutation ist der Plan. Menschen sollen keine binären, blauäugigen, blonden Hünen werden, sondern ihre Köper und damit ihr Geschlecht können und sollen sich verändern (11). Genetische Analysen heutiger Menschen beweisen diese Diversität durch Mischung eindrucksvoll und weisen zum Beispiel Nationalismen oder Hautfarben-, Rassen- oder Geschlechterideologien als plumpe Konstrukte aus (8).

Die australische Psychologin und Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine untersuchte Forschungsarbeiten zum Thema biologische Geschlechterdifferenzen (10). Sie fand heraus, dass die meisten Versuchsanordnungen von Geschlechterstereotypen geprägt wurden. Es wurden Sprachtalente, Gehirn-Hälften-Nutzung, Empathievermögen oder Abstraktionsfähigkeiten untersucht, um die binären Unterschiede der Geschlechter zu beweisen. Die Autorin fand Zirkelschlüsse und grobe Fehler im Versuchsaufbau, denen es am Ende an Beweiskraft mangelte.

Für die britische Neurowissenschaftlerin und Feministin, Professorin Gina Rippon ist die Biologie kein Schicksal, und die Beweise für Unterschiede seien drastisch überbewertet (12). Anelis Kaiser, Professorin für Gender Studies an der MINT der Universität Freiburg, erläuterte,  dass die Gender Studies den „biologischen“ Körper nicht aus dem Blick verlieren würden und nur dekonstruieren wollten, wie ihnen gerne vorgeworfen wird. Diese festgefahrene Darstellungsweise müsse endlich durchbrochen werden. Für die Gender Studies gehe es um die Frage, wie sie mit durch naturwissenschaftliche Methoden erlangtem Geschlechterwissen umgehen können und müssen. Das bedeute auch, naturwissenschaftliche Forschungsmethoden anzuerkennen (14). 

Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim erklärt auf ihrem youtube Kanal die Mythen um das „trans“ Gehirn anschaulich, allerdings mit nicht mehr ganz aktuellem wording.

Die Sexualpädagogin und Künstlerin Stefanie Grübl zeigt mit ihren Arbeiten zur Bastion der Binarität, den primären Geschlechtsmerkmalen, dass sie in allen Formen, Größen und Eigenheiten vorkommen (11). Ihre Modelle räumen auf mit der fiktiven Idee der starren Zweigeschlechtlichkeit. Genitalien kennen nicht nur zwei Varianten und schon gar nicht allein männlich oder weiblich. Der gerne für die Binarität bemühte Biologieunterricht ist ausnahmslos der, in dem nie eine Vulva gezeigt wurde, die behaart ist, Muttermale hat, mit einer dominanteren Klitoris oder unterschiedlich geformten Lippen.

Alle Menschen sind geschlechtlich einzigartig und Vielfalt ist die Norm. Die biologischen Grundlagen des Lebendigen sind keine festgelegten Entitäten, sondern sie eröffnen innerhalb eines weiten Raumes Potenziale und Entwicklungsmöglichkeiten.

Transsexualität

Das Wort „Transsexualität“ wird abgeleitet von dem Wort „Transsexualismus“, das Magnus Hirschfeld zum ersten Mal 1923 verwendete. Es setzt sich zusammen aus den Wörtern „trans = entgegengesetzt“ und „sexualis = geschlechtlich“. Transsexuelle transitionieren körperlich und/oder leben und identifizieren sich mit dem Geschlecht, das sich von ihrem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde unterscheidet. Transitioniert wird in der Regel wegen des Körpers, nicht wegen der Rollen. Hormone und gegebenenfalls Operationen verändern körperliches und psychisches Wohlbefinden und der Körper fühlt sich richtiger an. Obwohl Transsexuelle nur ein Geschlecht haben und das ihr Leben lang, benennt Transsexualität die reale Erfahrung in zwei Geschlechtern gelebt zu haben.

Das Wort Transsexualität zu benutzen bedeutet Besitz zu ergreifen vom Wort des medizinisch/psychologisch/sexualwissenschaftlichen Establishments. Es wurde lange abgelehnt, weil „sex“ sexuelle Gründe, wie sexuelle Fantasien, impliziert um zu transitionieren.

Transsexualität wäre im biologischen Sinne die für das Individuum spürbare Differenz zwischen dem Geschlecht, das bei der Teilung der Zygote als geschlechtliche Marker den Tochterzellen mitgegeben wurde und den geschlechtlichen Festlegungen des Körpers, die im Zuge der evolutionären Mehrzelligkeit entstanden sind(4).

Der geschlechtliche Raum als Polyeder.

Geschlecht

Die amerikanische Biologin Julia Serano hat im Jahr 2007 in ihrem Buch „Whipping Girl: A Transsexual Woman on Sexism and the Scapegoating of Femininity“ ein „Model der Selbstwahrnehmung“ (intrinsic inclination model) über Geschlecht entwickelt (3). Ihr Modell ist sehr viel breiter angelegt. Sie hat transgeschlechtlichen Menschen zum ersten Mal ihre Körper zurück gegeben, da sie die Idee des „gegengeschlechtlichen“ Körpers verwarf. Die mit dem Identitätsmodell einhergehende Vorstellung einer „Geschlechtsumwandlung“ war damit theoretisch widerlegt. Sie formulierte folgende Kernthesen:

  1. Geschlecht, Ausdruck und sexuelle Orientierung sind unabhängig voneinander.
  2. Geschlecht ist ein tiefer, unbewusster Seinszustand, der durch soziale oder individuelle Einflüsse nicht veränderbar ist.
  3. Genetische, anatomische, hormonelle, Umwelt und psychologische Faktoren beeinflussen das Geschlecht durch gemeinsame Existenz oder durch Interaktion. Als Ergebnis entsteht ein geschlechtlicher Raum, der sich nicht einteilen lässt.
  4. Die Selbstwahrnehmung steht über der, durch die körperlichen Unterschiede entwickelten, groben Binarität.

Daraus lassen sich die folgenden Schlussfolgerungen über Geschlecht ziehen:

  1. Geschlecht hat sich auf zellularer Ebene entwickelt, zum Zweck der Diversität.
  2. Nervenzellen unseres Stammhirns steuern die grundlegenden Funktionen.
  3. Die phylogenetisch viel später entwickelten Geschlechtschromosomen und andere geschlechtliche Merkmale beeinflussen die gewollte biologische Diversität nicht. Offensichtlich bestimmen sie nicht das Geschlecht.
  4. Geschlecht ist ein mehrdimensionaler Raum, deren Dimensionen wir heute noch nicht alle kennen. Wir wissen, das genetische, anatomische, hormonelle, Umwelt und psychologische Faktoren das Geschlecht beeinflussen und zwar durch gemeinsame Existenz oder durch Interaktion. Als Ergebnis entsteht ein multidimensionaler geschlechtlicher Raum.
  5. Das bedeutet, dass jedes Individuum mit einem eigenen Geschlecht geboren wird und im Laufe seines Lebens dieses Geschlecht erkennen und leben muss.
  6. Wobei ein eigenes Geschlecht bedeutet, dass Individuen sich in diesem Raum durchaus bewegen können.

Anmerkungen:

(1) Sachstandsbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Informationen zur Situation trans- und intersexueller Personen, 26. Oktober 2016, S. 7-8 . 
(2) Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Zur Aktualität kosmetischer Operationen „uneindeutiger“ Genitalien im Kindesalter, Ulrike Klöppel , Dezember 2016
(3) Julia Serano: Whipping Girl: A Transsexual Woman on Sexism and the Scapegoating of Femininity (Seal Press, 2007), a collection of personal essays that debunk many of the myths and misconceptions that people have about trans women, femininity, and the subjects of gender and sexism more generally. 
(4) Schiano-Kost Theorem zur Transsexualiät, Hamburg 2019
(5) Frei nach der Kieler Erklärung der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung vom 29.09.1949
(6) Stefanie Kurtz et al. Knockout of the porcine SRY gene causes sex reversal in gene-edited pigs. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) DOI: 10.1073/pnas.2008743118
(7) Transsexuality Among Twins: Identity Concordance, Transition, Rearing, and Orientation; Milton Diamond; International Journal of Transgenderism, Seite 24-38, 05.2013
(8) „Differences between germline genomes of monozygotic twins„; Hakon Jonsson, Erna Magnusdottir, Hannes P. Eggertsson, Olafur A. Stefansson, Gudny A. Arnadottir, Ogmundur Eiriksson, Florian Zink, Einar A. Helgason, Ingileif Jonsdottir, Arnaldur Gylfason, Adalbjorg Jonasdottir, Aslaug Jonasdottir, Doruk Beyter, Thora Steingrimsdottir, Gudmundur L. Norddahl, Olafur Th. Magnusson, Gisli Masson, Bjarni V. Halldorsson, Unnur Thorsteinsdottir, Agnar Helgason, Patrick Sulem, Daniel F. Gudbjartsson & Kari Stefansson in Nature Genetics Ausgabe 53, Seiten 27–34, 2021
(9) Visualizing Sex as a Spectrum, Infographic reveals the startling complexity of sex determination; Amanda Montañez, Scientific American, 08.2017
(10) Cordelia Fine: „Die Geschlechterlüge
(11) Stefanie Grübl: Geschlechtsdiversität bei Genitalien
(12) Gina Rippon, The Gendered Brain: The new neuroscience that shatters the myth of the female brain, Februar 2019.
(13) Meet the neuroscientist shattering the myth of the gendered brain, The Guardian, Februar 2019
(14) Das Kreuz mit dem Kästchen „Gendering MINT“ fördert den Austausch zwischen Geschlechterforschung und Natur- sowie Technikwissenschaften, uniwissen, 022017

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