Die Lage für trans Kids in England und Wales – Tavistock

Der Gender Identity Development Service (Gids), mit Sitz im Londoner Tavistock and Portman NHS Foundation Trust wurde ab 2009 in UK zu einem landesweiten Dienst für trans Kinder und Jugendliche (Moss, 2023). Im Jahr 2011 übernahm der Gids die Frühinterventionsstudie, ein Forschungsprojekt, dass das Alter, in dem junge Menschen Zugang zu Pubertätsblockern bekamen, von 16 auf 12 Jahre herabsetzte. 2016 wurde Hausärzten, Schulen und Interessengruppen mitgeteilt, dass Behandlungen ausschließlich dort stattfinden. Deshalb wuchs die Nachfrage schnell, von 210 Kontakten im Zeitraum 2011–2012 auf über 5.000 im Zeitraum 2020–21. Hier wurden allerdings auch die nicht aufgenommenen Anfragenden mitgezählt (GIDS, 2022).

Eine einzige NHS-Genderklinik für Kinder in England und Wales war nie in der Lage, die notwendigen Behandlungen zu bewältigen. Die Tavistock-Klinik wurde von Inspektoren, die sie Ende 2020 besuchten, als „unzureichend“ eingestuft. Sie forderten eine „dezentrale“ Versorgung, unter Betrachtung der Gesamtbedürfnisse der Patienten.

Im Juli 2022 kündigte der NHS England an, dass der Gids im Frühjahr 2023 durch zwei regionale Behandlungszentren mit mehr Kapazität ersetzt wird. Die neuen Zentren werden durch Partnerschaften mit dem Londoner Great Ormond Street Hospital und dem Alder Hey Children’s Hospital in Liverpool entstehen. Die Londoner Einrichtung sollte im Herbst 2023 eröffnen, die nördliche Einrichtung im April 2024. Da beide Einrichtungen bis 2024 nicht eröffnet wurden, lief der Betrieb im Gids weiter

Zurzeit werden, aufgrund mangelnder Kapazität, nur rund 1.000 Jugendliche versorgt. Es gibt eine Warteliste mit mehreren 1.000 Kinder und Jugendlichen, denen nur ein Online-Support-Service angeboten wird.

Der NHS England hat angekündigt, dass der Zeitplan aufgrund der damit verbundenen Komplexität inzwischen überarbeitet wurde. Die Schließung der Londoner Tavistock Klinik wurde zunächst auf März 2024 verschoben, etwa ein Jahr später als geplant. Da beide Einrichtungen bis 2024 nicht eröffnet wurden, lief der Betrieb im Gids weiter. Bis zur Eröffnung des Londoner Zentrums gibt es keine Neuaufnahmen für Jugendliche auf der Warteliste. 

Im März 2024  beschloss der NHS England, keine Pubertätsblocker an trans-Jugendliche neu zu vergeben. Den jungen Menschen, denen bereits Blocker verschrieben wurden, bekamen weiterhin Zugang. Neuaufnahmen sollten nur noch im Rahmen einer Forschungsstudie stattfinden, die den Zugang zu lebensrettenden Medikamenten auf einige wenige beschränkt. 

Nach massiven Verzögerungen erfolgte die endgültige Schließung der Tavistock-Klinik am 31. März 2024. Seit April 2024 sind zwar zwei neue regionale „Hubs“ (Süd und Nord) in Betrieb, doch die Kapazitäten bleiben hinter dem Bedarf zurück. Tausende Kinder stehen weiterhin auf Wartelisten und erhalten oft nur minimale Unterstützung.

Parallel zur strukturellen Umgestaltung änderte sich die medizinische Leitlinie radikal. Im März 2024 entschied der NHS England, Pubertätsblocker nicht mehr routinemäßig zu verschreiben. Diese Entscheidung wurde durch den im April 2024 veröffentlichten „Cass-Report“ untermauert, der eine unzureichende Evidenzbasis für die langfristige Sicherheit dieser Medikamente konstatierte. In der Folge wurde der Zugang extrem restriktiv: Neuaufnahmen für medikamentöse Behandlungen erfolgen seitdem fast ausschließlich im Rahmen der streng kontrollierten „Pathways-Studie“, die Anfang 2026 mit einer sehr begrenzten Teilnehmerzahl von etwa 226 Personen startete.

Um die Umgehung dieser Regeln zu verhindern, erließ die Regierung eine Notfallverordnung, die im Dezember 2024 in ein unbefristetes Verbot umgewandelt wurde. Dieses untersagt es britischen Apotheken, Rezepte für Pubertätsblocker zur Behandlung von Geschlechtsdysphorie einzulösen, wenn diese von Privatärzten oder Medizinern aus dem EU-Ausland ausgestellt wurden. Damit ist der legale Weg zu dieser Behandlung außerhalb der kleinen NHS-Studie faktisch versperrt. Während betroffene Verbände wie TransActual vor den lebensbedrohlichen Folgen dieser Versorgungslücke warnen, hält die Regierung unter Berufung auf das Vorsorgeprinzip an diesem Kurs fest, was die Situation für trans Jugendliche in England und Wales grundlegend verändert hat.

Damit gibt in England es nur noch Blocker, ohne medizinische Unterstützung per privater Verschreibung oder auf dem schwazen Markt.

16 Kinder suizidieren sich

Die Debatte um das Verbot wird von Berichten über eine verschlechterte psychische Gesundheit der Betroffenen begleitet. Das Good Law Project verwies unter Berufung auf Whistleblower darauf, dass die Zahl der Todesfälle unter Jugendlichen auf der Warteliste nach den ersten Einschränkungen im Jahr 2020 von zuvor einem Fall auf 16 angestiegen sei (GLP, 2024). Eine vom Gesundheitsministerium beauftragte Untersuchung durch Prof. Louis Appleby widersprach dieser Darstellung im Juli 2024 jedoch und stellte fest, dass die Daten keinen signifikanten Anstieg der Suizidraten belegen, der ursächlich auf das Verbot zurückzuführen sei. Dennoch bleibt die Sorge um die Sicherheit der Jugendlichen ein zentrales Argument in den juristischen Anfechtungen gegen das Verbot.“

Quellen

GIDS. (06. 07 2022). Referrals to GIDS. Abgerufen am 30. 12 2023 von gids.nhs.uk: https://gids.nhs.uk/about-us/number-of-referrals/
Moss, L. (11. 05 2023). Closure of Tavistock gender identity clinic delayed. Abgerufen am 30. 12 2023 von bbc.com: https://www.bbc.com/news/uk-65564032

TransActual (12.03.2024). TransActual statement on NHS England’s decision to stop commissioning puberty blockers. 12 March 2024 abgerufen am 13.03.2024 https://transactual.org.uk/blog/2024/03/12/transactual-statement-on-nhs-englands-decision-to-stop-commissioning-puberty-blockers/?fbclid=IwAR30320w9bo2UaXUbMYpuNBEk8OevFtUTRuSvVIjJYP6ZfUkgTtl00McaMM

GLP. (2024). Challenging the ban on puberty blockers. Good Law Project. https://goodlawproject.org/case/challenging-the-ban-on-puberty-blockers/

 

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