Das Interview mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff beim ersten Queerempfang in Berlin (24. Februar 2026). Wulff sprach als Ehrengast auf Einladung der Queerbeauftragten der Bundesregierung Sophie Koch.
Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Christian Wulff hob hervor, dass der Schutz von Minderheiten und die Akzeptanz vielfältiger Lebensentwürfe kein Nischenthema, sondern ein Kernbestandteil einer gefestigten Demokratie sind. Er warnte eindringlich vor einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft und rief dazu auf, den Respekt gegenüber queeren Menschen als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen. Laut Wulff ist die Würde jedes Einzelnen unantastbar, was er fest in der Tradition der Aufklärung und des Grundgesetzes verankert sieht.

Christian Wulff
Kritik an der Debatte um „Woke“
Ein zentraler Punkt seiner Ausführungen war die kritische Einordnung des Begriffs „woke“:
Missbrauch als Kampfbegriff: Wulff kritisierte, dass das berechtigte Streben nach Achtsamkeit und Respekt gegenüber Minderheiten oft abfällig als „woke“ tituliert wird, um diese Anliegen zu diffamieren oder ins Lächerliche zu ziehen.
Wachsamkeit als Tugend: Er erinnerte daran, dass die ursprüngliche Bedeutung von „woke“ – im Sinne von „wachsam sein“ gegenüber Ungerechtigkeit und Rassismus – eine notwendige demokratische Tugend ist.
Versachlichung: Er plädierte leidenschaftlich für eine Versachlichung der Diskussion und warnte davor, sich an Schlagworten abzuarbeiten, anstatt den Kern der Sache – den gegenseitigen Respekt – in den Mittelpunkt zu stellen.
Anerkennung und Ausblick
Wulff würdigte die historische Bedeutung des Empfangs und die Arbeit der Queerbeauftragten Sophie Koch, da solche Veranstaltungen die notwendige Sichtbarkeit für die Community schaffen. Zwar erkannte er die Fortschritte der letzten Jahrzehnte an, betonte jedoch gleichzeitig, dass Diskriminierung im Alltag weiterhin entschlossen bekämpft werden müsse.
“Der CDU-Parteitag hat ja klare Beschlüsse gefasst gegen Wildwuchs, der vor allen Dingen in den sozialen Medien herrscht. Muss der Staat da nicht klarer einschreiten, wenn man so an Musks Forum X denkt zum Beispiel?“
“Ja, es muss viel transparenter werden. Es kann ja nicht sein, dass einer als Billionär auf der Welt entscheidet, dass bestimmte hassverbreitende Posts 20-mal so oft verbreitet werden, wie eine differenzierte Position, die zur Meinungsfreiheit eben auch dazu gehört. Also wenn jemand die Macht hat, bestimmte Leute mit bestimmten Informationen zu versorgen und anderen sie vorzuenthalten, dann muss das politisch aufgearbeitet werden, dass diese Algorithmen, mit denen Leute da beschossen werden im Netz, dass die offengelegt werden, die Mechanismen offengelegt werden.
Und es muss auch gehaftet werden für das, was im Netz passiert. Es kann doch nicht sein, dass hier eine Zeitung erscheint mit 20 weißen Seiten, wo alle drauf machen können, was sie wollen und niemand dafür haften will. Insofern müssen die Betreiber sozialer Netzwerke für bestimmte Dinge auch haften, wenn sie es dort nicht entfernen, weil es zum Beispiel beleidigende Inhalte sind.“
“Ich weiß, ich muss zum Ende kommen. Eine Schlussfrage habe ich an Sie. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das für ein Wunsch?“
„Mehr Empathie ist mein größter Wunsch. Das habe ich auch schon früher als Ministerpräsident formuliert, dass wir alle uns bemühen, um mehr Empathie, mehr Einflussvermögen in andere, um mehr Achtsamkeit. Und das ist eigentlich übersetzt Woke, Wokeness.
Das heißt eigentlich Achtsamkeit im Umgang miteinander. Und dieses Wort muss wieder positiv belegt werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass Extremisten das zu einem Schimpf und Feindwort erklären.
Also wünsche ich mir mehr Wokeness.”
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