Eines der klügsten Konzepte über Geschlecht und Geschlechtserwerb stammt von Anne Fausto‑Sterling. Ich mag das Modell, weil es Identität als integralen Bestandteil eines dynamischen, körperlichen und relationalen System versteht, das sich aus körperlichen, sozialen und kulturellen Prozessen zugleich zusammensetzt. Sie zeigt, dass weder Sex noch Gender eindeutig definierbare Kategorien sind. Biologische Merkmale wie Chromosomen, Hormone, Gonaden oder Genitalien ergeben kein konsistentes binäres System, und kulturelle Zuschreibungen formen diese Merkmale ebenso, wie sie durch sie geformt werden. Fausto‑Sterling betont, dass Versuche, Sex als rein natürliche, unveränderliche Grundlage zu stabilisieren, historisch immer wieder scheiterten, weil es nicht möglich war, eine kategoriale Definition zu finden (Fausto‑Sterling, 2019, S. 2). Gleichzeitig zeigt sie, wie medizinische Praktiken – etwa die Behandlung intergeschlechtlicher Kinder – kulturelle Vorstellungen von Geschlecht in Körper einschreiben und damit selbst erst jene biologischen Realitäten erzeugen, auf die sie sich zu stützen vorgeben.
Um diese Untrennbarkeit sichtbar zu machen, übernimmt sie den Begriff gender/sex. Er soll ausdrücken, dass körperliche Merkmale, soziale Bedeutungen, Identität und Interaktionen nicht voneinander isoliert werden können. Geschlecht entsteht in einem kontinuierlichen Prozess der Verkörperung, in dem soziale Erwartungen, motorische Muster, affektive Regulation, Wahrnehmung und Beziehungserfahrungen ineinandergreifen. Embodiment meint dabei nicht äußerliche Symbole wie Kleidung oder Frisuren, sondern jene unbewussten, habitualisierten Muster, die sich in das neuromuskuläre und sensorische System einschreiben. Fausto‑Sterling verweist etwa darauf, dass selbst scheinbar triviale Verhaltensweisen – Sitzhaltungen, Bewegungsmuster, räumliche Präsenz – Ausdruck verkörperter Geschlechtsnormen sind, die sich früh im Leben herausbilden und später als natürlich erscheinen. Diese Prozesse beginnen bereits vor der Sprache: Die Verkörperung, von der ich spreche, ist automatisch, unbeabsichtigt und in allen Aspekten des Nervensystems zu finden (Fausto‑Sterling, 2019, S. 6).
Geschlecht ist für Fausto‑Sterling daher kein Merkmal, das man besitzt, sondern ein Entwicklungsprozess, der sich aus der Interaktion von Körper, Umwelt und Kultur ergibt. Es ist weder biologisch determiniert noch frei wählbar, sondern entsteht aus der fortlaufenden Selbstorganisation eines Systems, das auf frühkindliche Erfahrungen ebenso reagiert wie auf gesellschaftliche Strukturen. Die zunehmende Sichtbarkeit nichtbinärer Menschen macht für sie deutlich, dass die traditionelle Trennung von Sex und Gender analytisch unhaltbar ist. Gender/sex bezeichnet deshalb whole people/identities, die nicht sinnvoll auf Sex oder Gender allein zurückgeführt werden können (van Anders, 2015, zit. nach Fausto‑Sterling, 2019, S. 5). Geschlecht ist damit immer zugleich körperlich, sozial, relational und historisch – ein verkörpertes Muster, das sich über die Lebensspanne verändert und stabilisiert, ohne jemals vollständig abgeschlossen zu sein.
Geschlechtserwerb
Der Erwerb von Geschlecht ist für Anne Fausto‑Sterling kein kognitiver Akt, der erst mit Sprache oder bewusster Selbstbeschreibung beginnt, sondern ein früh einsetzender, verkörperter Entwicklungsprozess. Geschlecht entsteht in der fortlaufenden Interaktion zwischen Körper, Bezugspersonen und kulturellen Bedeutungen. Es handelt sich um ein dynamisches System, das sich bereits im ersten Lebensjahr formt und später als stabile Identität erscheint. Fausto‑Sterling betont, dass die Forschung den Zeitraum vor dem dritten Lebensjahr weitgehend ignoriert, obwohl gerade hier die Grundlagen gelegt werden: „Mit Blick auf gender/sex und Orientierung ist die Säuglingszeit untererforscht, unterschätzt und untertheoretisiert“ (Fausto‑Sterling, 2019, S. 3).
Der Erwerb von Geschlecht beginnt für sie mit vorsprachlichen, körperlichen Mustern. Säuglinge entwickeln in dyadischen Interaktionen mit Bezugspersonen rhythmische, affektive und motorische Koordinierungen, die sich als „presymbolische Repräsentationen“ im Körper verankern. Diese frühen Muster strukturieren, wie Kinder sich selbst und andere wahrnehmen, wie sie Nähe, Distanz, Affekt und Bewegung regulieren. Geschlecht entsteht aus verkörperten Erfahrungen, die sich im Nervensystem einschreiben. Fausto‑Sterling beschreibt diese Form der Verkörperung als „automatisch, unbeabsichtigt und in allen Aspekten des Nervensystems zu finden“ (2019, S. 6).

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Im Verlauf des ersten Lebensjahres beginnen Kinder, Muster in den Reaktionen ihrer Umwelt zu erkennen: wie sie gehalten, angesprochen, berührt, beruhigt oder gelobt werden. Diese Muster sind kulturell geschlechtlich codiert, auch wenn sie nicht explizit benannt werden. Die Art, wie Erwachsene mit Säuglingen interagieren, unterscheidet sich subtil je nach zugeschriebenem Geschlecht – in Tonfall, Berührungsqualität, Bewegungsangeboten, räumlicher Distanz oder emotionaler Resonanz. Diese Unterschiede werden nicht bewusst vermittelt, sondern sind Teil der kulturellen Praxis. Das Kind übernimmt sie als körperliche Gewohnheiten, die später als „natürlich“ erscheinen.
Geschlechtserwerb bedeutet daher, dass Kinder über viele kleine, wiederholte Interaktionen lernen, wie sich ein Körper „anfühlt“, der in einer bestimmten Geschlechtskategorie verortet wird. Sie lernen dies nicht als Regel oder Norm, sondern als verkörperte Erfahrung: in Haltung, Stimme, Bewegungsrhythmus, Affektregulation und sozialer Resonanz. Diese Muster bilden die Grundlage dafür, dass Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren beginnen, sich selbst einem Geschlecht zuzuordnen. Die spätere bewusste Identität ist für Fausto‑Sterling das Ergebnis eines bereits lange laufenden körperlichen Entwicklungsprozesses.
Geschlechtserwerb entsteht aus der Selbstorganisation eines Systems, das biologische Dispositionen, soziale Interaktionen und kulturelle Bedeutungen miteinander verschränkt. Fausto‑Sterling fasst dies in ihrem Begriff gender/sex zusammen, der ausdrückt, dass körperliche und soziale Dimensionen nicht voneinander getrennt werden können. Insgesamt beschreibt Fausto‑Sterling Geschlechtserwerb als einen Prozess, der früh beginnt, tief verkörpert ist und sich über die Lebensspanne weiterentwickelt. Geschlecht ist nicht etwas, das man hat, sondern etwas, das man wird – durch Körper, Beziehung und Kultur zugleich.
Transgeschlecht
Fausto‑Sterlings Modell erklärt Transgeschlechtlichkeit als Ausdruck der dynamischen Verkörperung von Geschlecht. In ihrem Verständnis entsteht Geschlecht durch die fortlaufende Interaktion von Körper, Umwelt und Kultur. Wenn sich diese Interaktionen über die Lebensspanne hinweg verändern, kann sich auch das verkörperte Geschlecht verändern. Transgeschlechtlichkeit ist in diesem Rahmen kein „Fehler“ im biologischen System, sondern eine Variation innerhalb des Prozesses, wie Menschen ihr gender/sex verkörpern und erleben.
Fausto‑Sterling betont, dass Körper und Identität nicht getrennt sind: Der Körper ist nicht bloß Träger einer inneren Identität, sondern selbst Teil ihrer Entstehung. Transgeschlechtliche Erfahrungen zeigen, dass die Verbindung zwischen Körper und Geschlecht nicht statisch, sondern plastisch und veränderbar ist. Sie schreibt, dass die Idee eines „männlichen Gehirns im weiblichen Körper“ eine überholte Vorstellung sei, die die Komplexität verkörperter Geschlechtlichkeit verfehlt (Fausto‑Sterling, 2019, S. 3–4). Stattdessen versteht sie Transgeschlecht als eine Form der Selbstorganisation, bei der neue körperliche und soziale Muster entstehen, die mit der gelebten Identität übereinstimmen.
In diesem Modell ist Transsein also kein Bruch mit der Natur, sondern Teil der natürlichen Vielfalt menschlicher Entwicklung. Der Körper wird durch hormonelle, soziale und emotionale Prozesse ständig neu geformt; Transgeschlechtlichkeit ist eine dieser möglichen Formen. Sie zeigt, dass Geschlecht nicht „im Gehirn“ oder „in den Genitalien“ liegt, sondern im gesamten System aus Wahrnehmung, Bewegung, Affekt und Beziehung.
Und warum benutze ich es nicht?
Fausto‑Sterlings Modell ist grundsätzlich nicht der Versuch, Transgeschlechtlichkeit zu erklären. Ihr Modell berücksichtigt deshalb nicht die Dynamik, die vielen transgeschlechtlichen Entwicklungen innewohnt und die sich im völligen Kontrollverlust ausdrückt. Viele trans Menschen schaffen es nicht, ihr Geschlecht alleine über Genderperformance auszudrücken.
Deshalb erklärt eine rein essentialitische Position von Geschlecht, im Sinne von, unser Körper ist unser Geschlecht, diese Dynamik besser. Mir persönlich ist eine Abgrenzung von Geschlecht zu Gefühl und Identität besonders wichtig: Geschlecht ist keine Identität und kein Gefühl, sondern eine körperliche Tatsache. Transgeschlechtlichkeit ist ein realer Konflikt, der für viele nicht allein durch Genderperformance lösbar ist.
Wer diese Perspektive weiterdenken möchte, kann sich mit körperbasierten Geschlechtsmodellen oder ontologischen Geschlechtskonzepten beschäftigen:
Geschlecht und Transition
Literatur
Fausto‑Sterling, A. (2019). Gender/Sex, Sexual Orientation, and Identity Are in the Body: How Did They Get There? The Journal of Sex Research, 55(9), 1–27. https://doi.org/10.1080/00224499.2019.1581883





