Lotte Albers (1911–1990er Jahre) gehört zu den ambivalentesten Figuren der Hamburger Medizingeschichte. Jahrzehntelang war sie eine Kinderärztin in Harburg. Doch ihre Karriere begann im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort – einem der Orte, an denen während der NS-Zeit systematisch Kinder mit Behinderungen ermordet wurden. Albers war daran beteiligt.
Kindheit, Ausbildung und Aufstieg in die Medizin
Geboren 1911 in Hamburg-Hohenfelde, wuchs Lotte Albers in einer Familie auf, die durch Wirtschaftskrise und NS-Autarkiepolitik verarmte. Sie besuchte die Klosterschule, legte 1931 das Abitur ab und studierte anschließend Medizin in Hamburg. 1936 bestand sie das Staatsexamen und promovierte über Blutzuckerbestimmungen. Nach Stationen in Berlin und Bayern trat sie am 1. April 1940 eine Stelle als Assistenzärztin im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort (KKR) an.
Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort – ein Tatort der „Kindereuthanasie“
Das KKR war eine der mindestens 31 sogenannten „Kinderfachabteilungen“ im Deutschen Reich – Tarnbezeichnung für Vernichtungseinrichtungen, in denen behinderte Kinder ermordet wurden. Der Klinikleiter Dr. Wilhelm Beyer war überzeugter Nationalsozialist und Befürworter des Euthanasieprogramms. Die Tötungen erfolgten auf Grundlage eines geheimen Hitler-Schreibens, das Ärzten die „Gewährung des Gnadentods“ erlaubte – ein Euphemismus für systematischen Mord.
Hebammen und Ärzte mussten behinderte Kinder melden; drei Reichsausschuss-Gutachter entschieden anhand von Meldebögen über Leben und Tod. Bei Zustimmung aller drei Gutachter erhielt das Krankenhaus eine „Ermächtigung“ zur Tötung.
Im KKR wurden die Kinder mit einer Überdosis Luminal getötet. Die Ärztinnen – darunter Lotte Albers – erhielten während der Visite Zettel mit dem Namen des Kindes und dem Vermerk „Ermächtigung“. Die Injektion erfolgte meist zur Mittagszeit, wenn wenig Betrieb herrschte. Die Kinder starben nach qualvollen Lungenentzündungen.
Lotte Albers’ Rolle im KKR
Albers beteiligte sich an den Tötungen. In späteren Aussagen erklärte sie, Beyer habe sie gefragt, ob sie bereit sei, die Spritzen selbst zu setzen – sie hätte zugestimmt. Zwei der dokumentierten Opfer, ein vierjähriger Junge und die fast vierjährige Angelika Schulz, starben nach Überdosen Luminal, verabreicht von Albers.
Zeitzeuginnen berichten, dass Albers nach dem Krieg offen über ihre Beteiligung sprach – nicht reuig, sondern erklärend. Sie habe „keine andere Möglichkeit“ gehabt, so schilderte es eine langjährige Mitarbeiterin. Gleichzeitig wirkte sie belastet, ohne dies offen zu zeigen.
Nach 1945: Eine Kinderärztin in Harburg
Nach dem Krieg arbeitete Albers zunächst im AK Barmbek, später im AK Harburg und schließlich über vier Jahrzehnte in ihrer eigenen Praxis am Schlossmühlendamm. Patientinnen erinnern sich an eine strenge, kalte, furchteinflößende Ärztin.
Albers blieb unverheiratet, hatte keine Kinder und verbrachte ihre Wochenenden häufig in einem kleinen Holzhaus in Klecken. Sie arbeitete bis ins hohe Alter und starb in den 1990er Jahren.
Ein Leben voller Widersprüche
Ihr Bruder, der spätere TU-Harburg-Professor Gerd Albers, zeigte Verständnis für ihre Situation im Krieg, ohne sich tiefer mit ihrer Schuld auseinanderzusetzen. Andere betonten, sie sei später keine Rassistin gewesen und habe alle Kinder gleich behandelt. Schuldgefühle sind nicht dokumentiert. Stattdessen deutete sie die Tötungen als Folge der „Zwänge des Krieges“.
Doch die historischen Fakten sind eindeutig: Lotte Albers war Teil eines Systems, das Kinder mit Behinderungen ermordete. Sie handelte nicht unter unmittelbarem Zwang, sondern im Rahmen eines ärztlichen Teams, das die NS-Euthanasie aktiv unterstützte.
Erinnerung und Verantwortung
Die Geschichte von Lotte Albers zeigt, wie Täterinnen der NS-Medizin nach 1945 nahtlos in bürgerliche Karrieren zurückkehren konnten – respektiert, gebraucht, oft ohne je Rechenschaft abzulegen. Sie steht exemplarisch für die vielen Ärztinnen, deren Beteiligung an der Kindereuthanasie lange verschwiegen wurde.
Heute ist es Aufgabe der Erinnerungskultur, diese Biografien sichtbar zu machen: nicht um zu verurteilen, sondern um zu verstehen, wie medizinische Ethik scheitern kann – und wie wichtig es ist, dass sie nicht wieder scheitert.
Meine Kinderärztin
An Lotte Albers kann ich mich gut erinnern. Wir fuhren aus Neuwiedenthal nach Harburg, weil sie die einzige Kinderärztin war.
Ich habe sie als extrem strenge und kalte Ärztin erlebt. Ich habe mich vor den Besuchen bei ihr sehr gefürchtet und wollte nie da hin. Meine Mutter musste mich einmal mit Gewalt in das Haus zerren, weil ich mich noch vor der Tür weigerte, hinein zu gehen. Sie hatte einen weißen Kittel an und stellte knapp und direktiv ihre Fragen. Als wir Keuchhusten hatten, verweigerte sie uns Medikamente gegen den Hustenreiz mit dem Hinweis, wir sollten uns zusammenreißen. Das werde ich nie vergessen, meine Mutter schrie rum, ich solle mich beherrschen und wir Kinder standen vor Husten fast am Ersticken im Bett. Ihre brutalen Impfungen haben mir eine lebenslange Angst vor Spritzen beschert.
Erst durch einen Artikel in der Mopo habe ich erfahren, dass sie eine Mörderin war. Ich kann jedes Klischee über solche Verbrecher leider nur bestätigen. Sie war bis zum Schluss ein böser Mensch.
Weiterlesen:
Babel, A. (2021). Kindermord im Krankenhaus – Warum Mediziner während des Nationalsozialismus behinderte Kinder töteten. (3. Auflage, S. 103). Edition Falkenberg.





