Hirschfelds Modell der 43  Millionen Geschlechter

Magnus Hirschfeld entwickelte vor 100 Jahren seine Theorie der „sexuellen Zwischenstufen“, um die Vorstellung einer strikt binären Geschlechterordnung kritisch zu hinterfragen und zu ersetzen. Ausgangspunkt seines Ansatzes ist die Annahme, dass Geschlecht kein einheitliches, durch ein einzelnes Merkmal bestimmtes Phänomen darstellt, sondern sich aus mehreren relativ unabhängigen Eigenschaftsbereichen zusammensetzt (Hirschfeld, 1926). Zur analytischen Ordnung unterscheidet er vier Hauptgruppen: die Geschlechtsorgane, die sonstigen körperlichen Eigenschaften, den Geschlechtstrieb sowie die sonstigen seelischen Eigenschaften. Diese Bereiche können bei einem Individuum jeweils unterschiedlich stark männlich, weiblich oder gemischtgeschlechtlich ausgeprägt sein, ohne dass zwischen ihnen notwendigerweise Übereinstimmung besteht.

Die häufig zitierte Zahl von 43.046.721 möglichen „Sexualtypen“ ergibt sich aus einem theoretischen Kombinationsmodell. Hirschfeld nimmt an, dass sich jede der vier Hauptgruppen weiter in vier Unteraspekte gliedern lässt, sodass insgesamt sechzehn geschlechtlich relevante Elemente anzusetzen sind. Für jedes dieser Elemente werden drei mögliche Ausprägungen angenommen: männlich, weiblich oder gemischtgeschlechtlich. Daraus ergibt sich mathematisch die Zahl von 3¹⁶ Kombinationen, die Hirschfeld als mögliche Sexualtypen bezeichnet (Hirschfeld, 1926).

Diese Berechnung ist ausdrücklich nicht als empirische Klassifikation real existierender Menschen gemeint. Hirschfeld betont selbst den heuristischen Charakter seines Modells: Die immense Zahl möglicher Kombinationen soll verdeutlichen, dass menschliche Geschlechtlichkeit eine außerordentliche Variationsbreite aufweist und dass es in der Realität keine zwei Menschen gibt, die in allen geschlechtsrelevanten Merkmalen vollständig übereinstimmen (Hirschfeld, 1926). Die Modellrechnung dient somit der Kritik an vereinfachenden und naturalisierenden Geschlechterkonzepten, nicht der Etablierung eines neuen festen Kategoriensystems.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Hirschfelds Begriff des „Sexualtyps“ nur eingeschränkt mit dem heutigen Begriff des „Geschlechts“ gleichsetzen. Vereinfacht kann man zwar sagen, dass Hirschfeld geschlechtliche Vielfalt beschreibt, wie sie heute häufig unter dem Begriff pluraler Geschlechter diskutiert wird. Präziser betrachtet meint er jedoch nicht Geschlechter im heutigen Sinne sozialer Identitäten, rechtlicher Kategorien oder selbstgewählter Bezeichnungen. Seine Sexualtypen sind keine Identitäten und keine sozialen Rollen, sondern theoretisch denkbare Kombinationen biologischer, psychischer und triebbezogener Eigenschaften. Begriffe wie Homosexualität, Bisexualität oder Transvestitismus versteht Hirschfeld entsprechend nicht als eigenständige Geschlechter, sondern als Zwischenstufen innerhalb einzelner Eigenschaftsbereiche, etwa des Geschlechtstriebs oder der seelischen Geschlechtsprägung (Hirschfeld, 1926; Hirschfeld, 1918).

Damit zielt Hirschfelds Modell weniger auf eine Vervielfältigung benannter Geschlechter als auf eine grundsätzliche Infragestellung der Annahme, Geschlecht lasse sich sinnvoll in wenige, stabile Typen einteilen. Seine Theorie ist somit vor allem als ein epistemologisches Modell zu verstehen, das Geschlecht als kontinuierliches, multidimensionales und prinzipiell offen strukturiertes Phänomen begreift, das sich einer abschließenden Typisierung entzieht.

Literatur 

Hirschfeld, M. (1918). *Sexuelle Zwischenstufen*. Bonn: Marcus & Weber.

Hirschfeld, M. (1926). *Geschlechtskunde auf Grund dreißigjähriger Forschung* (Bd. 6). Stuttgart: Julius Püttmann.

Dieser Beitrag wurde unter Queer abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert