Transfeindliche Kohortenstudien

Kohortenstudien werden häufig als robuste empirische Grundlage präsentiert, doch methodisch bleiben sie Beobachtungsstudien mit klaren Grenzen. Ihr wesentliches Problem ist die fehlende Randomisierung. Die Teilnehmenden ordnen sich nicht zufällig, sondern aufgrund ihrer Lebensumstände, Präferenzen und sozialen Faktoren bestimmten Expositionsgruppen zu. Dadurch entstehen systematische Unterschiede zwischen den Gruppen, die nicht durch die untersuchte Exposition verursacht sind. Diese Verzerrungen – Confounding – lassen sich statistisch nur unvollständig kontrollieren. Selbst umfangreiche Adjustierungen können unbekannte, unmessbare oder falsch erfasste Störfaktoren nicht zuverlässig eliminieren. Residual Confounding bleibt damit ein strukturelles Merkmal, das sich nicht „herausrechnen“ lässt.

Hinzu kommt, dass Kohortenstudien anfällig für Selektionsprozesse sind. Wer einer Kohorte beitritt oder über die Zeit in ihr verbleibt, unterscheidet sich systematisch von jenen, die nicht teilnehmen oder später ausscheiden. Unterschiede im Gesundheitsbewusstsein, in Bildung, Einkommen oder Motivation prägen die Zusammensetzung der Stichprobe und beeinflussen indie Ergebnisse. Auch wenn bestimmte Datensysteme keinen klassischen „Loss to follow-up“ zulassen, bleibt die Grundproblematik bestehen: Die beobachteten Gruppen sind nicht vergleichbar, weil sie sich in zahlreichen relevanten Merkmalen unterscheiden, die nicht vollständig erfasst werden können.

Ein weiteres strukturelles Problem sind Messfehler. Viele Kohortenstudien basieren auf Selbstangaben zu Ernährung, Bewegung, Konsumverhalten oder Gesundheit. Solche Angaben sind anfällig für Verzerrungen und Ungenauigkeiten. Hinzu kommen unregelmäßige Messzeitpunkte und heterogene Erhebungsinstrumente. Diese Faktoren führen zu Fehlklassifikationen, die Effekte abschwächen oder verstärken können und die Aussagekraft der Ergebnisse erheblich beeinträchtigen.

All diese methodischen Einschränkungen führen zu einem zentralen Punkt: Kohortenstudien können Assoziationen beschreiben, aber sie können keine kausalen Zusammenhänge belegen. Sie zeigen, dass bestimmte Merkmale oder Verhaltensweisen gemeinsam auftreten, nicht aber, dass das eine das andere verursacht. Für belastbare Kausalität braucht es Randomisierung, Kontrolle und eine gezielte Manipulation der Exposition – Elemente, die Kohortenstudien prinzipiell nicht leisten können. Eine sachgerechte Interpretation ihrer Ergebnisse erfordert daher Zurückhaltung und eine klare Unterscheidung zwischen beobachteten Zusammenhängen und kausalen Schlussfolgerungen.

Die Debatte um die schwedische Kohortenstudie (2011)

Die im Jahr 2011 veröffentlichte Studie „Long-Term Follow-Up of Transsexual Persons Undergoing Sex Reassignment Surgery: Cohort Study in Sweden“ von Dhejne et al. gilt als eine der umfangreichsten Langzeituntersuchungen zur postoperativen Situation transgeschlechtlicher Menschen. Aufgrund ihres Untersuchungszeitraums von 30 Jahren und der hohen Datenqualität schwedischer Register wird sie international häufig zitiert, um die langfristigen Gesundheitsrisiken nach einer Geschlechtsangleichung zu bewerten.

In der öffentlichen und politischen Debatte wurde die Studie jedoch häufig dahingehend missverstanden, dass sie ein Scheitern medizinischer Transitionen belege. Kritiker und Fachfremde nutzten die statistisch erhöhten Suizidraten der untersuchten Kohorte oft als Argument gegen den Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen. Diese Interpretation steht jedoch im Widerspruch zu den Intentionen der Forscher. Dr. Cecilia Dhejne, die Erstautorin der Studie, hat sich in den Jahren nach der Veröffentlichung wiederholt kritisch zu dieser Instrumentalisierung geäußert und die methodischen Grenzen von Kohortenstudien sowie die notwendige Differenzierung der Ergebnisse hervorgehoben.

Die folgende Analyse fasst Dhejnes fachliche Einordnung zusammen und verdeutlicht, warum die Daten der Studie nicht als Beleg gegen die Wirksamkeit von Transitionen, sondern als Hinweis auf die notwendige Verbesserung der lebenslangen psychosozialen Begleitung zu verstehen sind.

Analyse der Kritik von Dr. Dhejne

In ihren methodischen Reflexionen und öffentlichen Erläuterungen (insbesondere im Interview mit dem TransAdvocate) sowie in späteren Publikationen betont Dr. Cecilia Dhejne die Grenzen von Langzeit-Kohortenstudien wie ihrer eigenen aus dem Jahr 2011. Die zentrale Kritik richtet sich gegen eine rein statistische Lesart, die kausale Zusammenhänge unterstellt, wo lediglich Korrelationen bestehen. Dhejne stellt klar, dass das erhöhte Risiko für Mortalität und Suizidalität nicht als direkte Folge der geschlechtsangleichenden Operationen (GAOP) zu werten sei. Stattdessen müsse die erhöhte Vulnerabilität im Kontext des sogenannten „Minority Stress“ betrachtet werden (Dhejne et al., 2011).

Ein wesentlicher Kritikpunkt Dhejnes an der Interpretation solcher Kohortenstudien ist der Mangel an einer adäquaten transgeschlechtlichen Kontrollgruppe ohne medizinische Behandlung. Da die Kohorte lediglich mit der Mehrheitsgesellschaft verglichen wurde, lässt die Studie keinen Rückschluss darauf zu, ob die Operationsergebnisse schlechter oder besser als ein Verzicht auf die Behandlung sind. Zudem weist sie darauf hin, dass Kohortenstudien über Jahrzehnte hinweg (1973–2003) oft historische Effekte vermischen. In ihren Analysen stellte sie fest, dass signifikante Risiken vor allem die ältere Teilkohorte (vor 1989) betrafen, was sie auf die damals unzureichende psychosoziale Nachsorge und die massive gesellschaftliche Stigmatisierung zurückführt (Dhejne, 2014). Sie warnt davor, die Daten für eine Argumentation gegen den Zugang zu medizinischen Transitionen zu missbrauchen, da die statistischen Abweichungen in der jüngeren Vergleichsgruppe bereits deutlich abnahmen und die Behandlung die Geschlechtsdysphorie nachweislich mindere.

Empfehlung

Transgeschlechtliche Menschen beteiligen sich bitte grundsätzlich nicht an Studien.

Ausnahmen sind:

  1. sie genügen den S3 Evidenzkriterien und haben einen Beirat aus Betroffenen oder
  2. werden von BV trans*, dgti oder VLSP empfohlen.

Weiterlesen:

https://www.cornelia-mertens.de/?p=19899

Das finnische „Gatekeeping“: Eine kritische Analyse der Rolle von Riittakerttu Kaltiala

Quellenverzeichnis

Dhejne, C. (2014, 25. Mai). Check it out: Cecilia Dhejne fact-checks the empire (C. Williams, Interviewer). TransAdvocate. https://www.transadvocate.com/fact-check-study-shows-transition-makes-trans-people-suicidal_n_14527.htm
Dhejne, C., Lichtenstein, P., Boman, M., Johansson, A. L., Långström, N., & Landén, M. (2011). Long-term follow-up of transsexual persons undergoing sex reassignment surgery: Cohort study in Sweden. PLOS ONE, 6(2), e16885. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0016885
Dhejne, C., Van Vlerken, R., Heylens, G., & Arcelus, J. (2016). Mental health and gender dysphoria: A review of the literature. International Review of Psychiatry, 28(1), 44–57. https://doi.org/10.3109/09540261.2015.1115753

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