Die Lügen des Patriarchats – das generische Maskulinum

Wer heute behauptet, das generische Maskulinum sei ein uraltes Prinzip der deutschen Sprache, verteidigt nicht die Tradition, sondern eine bequeme Erzählung. Die historische Forschung zeigt ein anderes Bild: Über Jahrhunderte hinweg existierte kein generisches Maskulinum. Maskuline Personenbezeichnungen galten schlicht als Bezeichnungen für Männer. Doleschal (2002) fasst es deutlich zusammen:
„Grammarians recognized the ability of all masculine personal nouns to refer to both sexes only by the beginning of the 20th century“ (S. 39).
Die Vorstellung, die maskuline Form könne Frauen automatisch mitmeinen, ist also keine sprachliche Selbstverständlichkeit, sondern eine späte Konstruktion.

Die Frage, warum diese Konstruktion überhaupt entstand, führt mitten hinein in die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 19. und 20. Jahrhunderts. In den frühen Grammatiken der Renaissance, des Barock und der Aufklärung wurden Männer und Frauen sprachlich klar getrennt. Die Grammatik war zweigeschlechtlich, und sie war es mit einer Selbstverständlichkeit, die aus heutiger Sicht fast naiv wirkt. Erst als Frauen im 19. Jahrhundert in Bildung, Öffentlichkeit und später in politische Rechte hineinwuchsen, entstand ein neues Problem: Wie sollte man sprachlich mit einer Gesellschaft umgehen, in der Frauen nicht mehr selbstverständlich ausgeschlossen waren, aber auch nicht selbstverständlich eingeschlossen wurden?



Die Antwort der patriarchalen Normsetzung war pragmatisch und machtpolitisch zugleich. Statt Frauen sprachlich sichtbar zu machen, erklärte man die maskuline Form kurzerhand zur allgemeinen. Das generische Maskulinum wurde nicht eingeführt, um sprachliche Klarheit zu schaffen, sondern um sprachliche Einfachheit mit gesellschaftlicher Hierarchie zu verbinden. Es war eine Lösung, die den Status quo stabilisierte: Männer blieben sprachlich Norm, Frauen wurden sprachlich mitgemeint, aber nicht benannt. Doleschal zeigt, dass diese Norm erst im 20. Jahrhundert überhaupt als solche beschrieben wurde und erst in den 1960er Jahren eine adäquate linguistische Fassung erhielt. Die feministische Kritik ab den 1970er Jahren machte sichtbar, was zuvor als neutral ausgegeben wurde. Doleschal (2002) schreibt: „Diese sprachliche Norm ist seit Ende der siebziger Jahre des 20. Jh. feministischer Kritik ausgesetzt“ (S. 40).

Dass der Duden den Begriff generisches Maskulinum erst 1995 explizit aufnimmt, ist kein Zufall. Es ist der Moment, in dem die Debatte um geschlechtergerechte Sprache Fahrt aufnimmt und die Institutionen gezwungen sind, Position zu beziehen. Die späte Benennung ist ein Indiz dafür, wie jung und wie konstruiert dieses angeblich traditionelle Prinzip tatsächlich ist.

Das generische Maskulinum entstand also nicht aus sprachlicher Notwendigkeit, sondern aus gesellschaftlicher Bequemlichkeit und patriarchaler Machtlogik. Es bot eine einfache Möglichkeit, eine sich verändernde Gesellschaft sprachlich zu ordnen, ohne die männliche Norm zu hinterfragen. Es ist ein Werkzeug, das Frauen sprachlich unsichtbar macht, indem es vorgibt, sie seien bereits enthalten. Die Behauptung, es sei „immer schon so gewesen“, ist Teil dieser Unsichtbarmachung.

Wer heute gegen geschlechtergerechte Sprache argumentiert, verteidigt nicht die deutsche Sprache, sondern eine historische Verzerrung. Das generische Maskulinum ist jung, politisch und ideologisch. Es wurde eingeführt, um eine patriarchale Ordnung sprachlich zu stabilisieren, nicht um die Sprache zu vereinfachen. Und genau deshalb ist es veränderbar.

Quellenangabe

Doleschal, U. (2002). Das generische Maskulinum im Deutschen: Ein historischer Spaziergang durch die deutsche Grammatikschreibung von der Renaissance bis zur Postmoderne. Linguistik Online, 11(2), 39–70.

https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/915

Danke

https://www.instagram.com/reel/DV81f6VjHh7/?igsh=MW45MDhsOGtnbndkNw==

Weiterlesen 

https://scilogs.spektrum.de/sprachlog/frauen-natuerlich-ausgenommen/

Dieser Beitrag wurde unter Queer abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert