Bundesweite Operationszahlen an inter Kindern im Alter von 0-9 Jahren (2022-24)

Die Analyse der fallpauschalenbezogenen Krankenhausstatistik (DRG-Statistik) für die Jahre 2022 bis 2024 verdeutlicht das fortbestehende Ausmaß chirurgischer Eingriffe an den Genitalien von Kindern im Alter von 0 bis 9 Jahren. Während die Jahre 2022 und 2023 durch eine Zählweise nach Prozeduren-Nennungen geprägt waren, erlauben die Daten für 2024 erstmals eine fallbezogene Betrachtung der tatsächlichen Patientenzahlen.

Den weitaus größten Anteil nimmt dabei die „Plastische Rekonstruktion bei männlicher Hypospadie“ (OPS 5-645) ein. In der aktuellen Statistik für 2024 wurden hierfür 2.623 Kinder operiert. Besonders kritisch ist die Verteilung innerhalb der Altersgruppen zu betrachten: Der Schwerpunkt der Eingriffe liegt mit über 80 % weiterhin in der vulnerablen Phase der 1- bis unter 5-Jährigen. Ein signifikanter Anteil der Eingriffe (165 Fälle) erfolgte bereits im ersten Lebensjahr.

Einen massiven Zuwachs verzeichneten im Jahr 2024 die „Anderen Operationen an der Vulva“ (OPS 5-718). Mit 156 Fällen hat sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr (37 Fälle) mehr als vervierfacht. Auch bei den spezifisch weiblich gelesenen Genitalrekonstruktionen (Vagina, Klitoris) zeigen die Daten für 2024 eine besorgniserregende Tendenz: So wurden 2024 insgesamt 35 Operationen zur Konstruktion oder Rekonstruktion der Vagina (OPS 5-705 und 5-706) sowie 15 Eingriffe an der Klitoris (OPS 5-713) durchgeführt.

Die vorliegenden Daten bieten eine wichtige Grundlage für die politische Debatte um das „Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“, das seit 2021 operative Eingriffe an den Keimdrüsen oder Genitalien ohne medizinische Notwendigkeit untersagt (§ 1631e BGB).

1. Die Persistenz der operativen Praxis
Die Zahlen für 2024 belegen, dass die gesetzlichen Verschärfungen bisher nicht zu dem erhofften Rückgang potenziell normangleichender Operationen geführt haben. Die hohe Zahl an Rekonstruktionen verdeutlicht, dass die chirurgische Herstellung einer „anatomischen Norm“ weiterhin ein tief verwurzelter Standard in der Kinderurologie und -gynäkologie ist.

2. Das Problem der diagnostischen Intransparenz
Ein zentraler Kritikpunkt bleibt die „Daten-Lücke“. Da die amtliche Statistik OPS-Kodes nicht standardmäßig mit ICD-Diagnosen verknüpft, bleibt unklar, wie viele dieser Kinder eine Inter*-Diagnose hatten. Diese statistische Unsichtbarkeit erschwert ein Monitoring des Kinderschutzgesetzes: Wo keine präzise Datenerhebung stattfindet, ist die Einhaltung des Operationsverbots kaum zu kontrollieren.

3. Das Recht auf genitale Selbstbestimmung
Aus Sicht von Interessenvertretungen stellt jeder Eingriff, der nicht der Abwendung einer Lebensgefahr dient, sondern eine kosmetisch-funktionelle Angleichung an binäre Geschlechternormen bezweckt, eine Verletzung der körperlichen Unversehrtheit dar. Die Daten bis 2024 belegen ein unverändert hohes Volumen an Eingriffen. Es bedarf dringend einer transparenteren Erfassung, einer Verknüpfung von Prozeduren und Diagnosen sowie der Etablierung einer bundesweiten Peerberatung für intergeschlechtliche Menschen und deren Eltern.

OPS-Kode Operation Jahr unter 1 J. 1 bis < 5 J. 5 bis < 10 J. Summe (0-9 J.)
5-645 Plastische Rekonstruktion bei männl. Hypospadie 2024 165 2.152 306 2.623
2023 651 3.518 664 4.833
2022 603 3.659 580 4.842
5-643 Plastische Rekonstruktion des Penis 2024 39 195 72 306
2023 165 536 162 863
2022 131 432 150 713
5-718 Andere Operationen an der Vulva 2024 3 77 76 156
2023 1 22 14 37
2022 6 32 13 51
5-613 Plastische Rekonstruktion von Skrotum und Tunica vaginalis 2024 12 18 11 41
2023 4 20 17 41
2022 3 24 20 47
5-706 Andere plastische Rekonstruktion der Vagina 2024 5 11 11 27
2023 5 24 12 41
2022 5 18 15 38
5-628 Implantation/Wechsel Hodenprothese 2024 0 4 17 21
2023 1 2 3 6
2022 3 5 4 12
5-713 Operationen an der Klitoris 2024 2 10 3 15
2023 1 2 1 4
2022 0 5 4 9
5-705 Konstruktion/Rekonstruktion der Vagina 2024 4 3 1 8
2023 2 0 1 3
2022 2 2 0 4

 

Statistischer Vermerk: Zur Veränderung der Erfassungsgrundlage

Bei der Interpretation der Zahlen ist ein methodischer Wechsel in der statistischen Aufbereitung zwischen den Berichtszeiträumen zu beachten.

In den Jahren 2022 und 2023 basierten die veröffentlichten Summen auf der Anzahl der Prozeduren-Nennungen. Da komplexe Genitaloperationen oft über mehrere OPS-Unterkodes (z.B. verschiedene Stadien einer Hypospadie-Korrektur) abgebildet werden, führte dies zu einer statistischen Mehrfachzählung pro Kind.

Die Daten für 2024 beruhen hingegen auf einer fallbezogenen Auswertung der 4-Steller-Kodes. Hier wird jeder Patient pro OPS-Gruppe nur einmal gezählt, unabhängig davon, wie viele spezifische Unter-Prozeduren kodiert wurden. Der scheinbare Rückgang der Fallzahlen bei der Hypospadie (von ca. 4.800 auf 2.623) ist somit kein klinischer Rückgang der Operationen, sondern das Ergebnis einer präziseren statistischen Bereinigung, die nun die tatsächliche Anzahl der betroffenen Kinder widerspiegelt.

Quellen:

* Statistisches Bundesamt (Destatis): DRG-Statistik, Operationen und Prozeduren (4-Steller), Jahre 2022, 2023 & 2024.
* Hoenes et al. (2019): Follow Up-Studie zu normangleichenden Operationen.

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