„Explorative“ Psychotherapie ist evidenzlos

Die wissenschaftliche Unhaltbarkeit pathologisierter „Exploration“: Eine Analyse des Briefs von Marcus Evans, den er auf der Suddel-Plattform X veröffentlicht hat.

Marcus Evans ist ein britischer Psychoanalytiker und ehemaliger klinischer Leiter am Tavistock & Portman NHS Trust, der als prominenter Vertreter der „Gender Critical“-Bewegung gilt. In seinem Brief an britische Abgeordnete warnt er davor, dass eine Gesetzgebung gegen Konversionstherapien die klinische Freiheit einschränke, geschlechtliche Identitäten bei Kindern kritisch zu hinterfragen. Er nutzt dieses Schreiben, um für ein Modell der „prolongierten Exploration“ zu werben, das von Fachgesellschaften jedoch als wissenschaftlich unbegründete Verzögerungstaktik und potenzielle Konversionsmaßnahme eingestuft wird.

Die Forderungen von Marcus Evans nach einer gesetzlich geschützten „hinterfragenden Therapie“ stellen einen signifikanten Bruch mit dem weltweiten medizinischen und psychologischen Konsens dar. Während Evans sein Modell als klinische Vorsicht tarnt, ordnen es führende Organisationen wie die World Professional Association for Transgender Health (WPATH) und die American Psychological Association (APA) als eine Form der Konversionstherapie ein.

Der Kern des Problems liegt in der fehlenden Evidenz: Es existiert weltweit keine einzige kontrollierte oder reproduzierbare Studie, die belegt, dass eine solche „prolongierte Exploration“ die Geschlechtsdysphorie dauerhaft auflösen kann, ohne den Patienten schwerwiegende psychische Schäden zuzufügen.
Evans stützt seine Thesen auf ein veraltetes psychoanalytisches Paradigma, das Trans primär als Symptom für Traumata oder als komorbide Störung – oft im Vergleich zu Anorexie – betrachtet. Diese Analogie wird von der Fachwelt scharf zurückgewiesen, da Trans-Identität seit der Veröffentlichung der ICD-11 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2019) offiziell depathologisiert wurde. Wo keine Krankheit vorliegt, ist das Streben nach einer „Heilung“ oder einer „Rückführung“ zur Cis-Identität wissenschaftlich obsolet. Die Forschung zu sogenannten Gender Identity Change Efforts (GICE) zeigt im Gegenteil konsistent, dass Versuche, die geschlechtliche Identität zu beeinflussen, das Risiko für Suizidalität um fast 50 % erhöhen (Turban et al., 2020).

Im direkten Gegensatz zu Evans’ unbelegten Warnungen steht die umfangreiche Evidenzlage zur geschlechtsakzeptierenden Versorgung (Gender-Affirming Care). Meta-Analysen, unter anderem der Cornell University, die über 50 internationale Studien zusammenfassen, bestätigen eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität und eine Reduktion depressiver Symptome nach erfolgter Transition. Ein häufig genutztes Narrativ von Evans, die Sorge vor massenhafter Reue (Detransition), hält einer wissenschaftlichen Prüfung ebenfalls nicht stand: Die Detransitions-Raten liegen stabil zwischen 1 % und 2 %, was weit unter den Komplikations- und Reue-Raten vieler anerkannter chirurgischer Standardeingriffe liegt.
Auch der von Evans häufig zitierte Cass-Review wird in der internationalen Fachwelt keineswegs als „Goldstandard“ betrachtet. Führende Gremien kritisieren die methodische Voreingenommenheit des Berichts, der hochwertige Studien aufgrund willkürlich gesetzter Qualitätskriterien ausschloss, um eine politisch motivierte „Vorsichts-Rhetorik“ zu stützen (WPATH, 2024). In der Praxis führt dieses Modell zu einer Verzögerungstaktik, die von Betroffenenverbänden als „Exploring till they bleed“ beschrieben wird – eine Form der institutionellen Vernachlässigung, die medizinische Hilfe so lange verweigert, bis die psychische Integrität der Jugendlichen zerbricht.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es keine wissenschaftliche Basis für die Behauptung gibt, Trans-Identität könne „wegtherapiert“ werden. Es gibt ebenfalls keinerlei Belege, das dieser Effekt eintreten würde, wenn dahinterliegende „Ursachen“ therapiert würden. Die Positionen von Evans stellen keine klinische Alternative dar, sondern sind ein ideologischer Rückfall in eine diskreditierte Medizingeschichte, die das Leid transgeschlechtlicher Menschen instrumentalisiert, um veraltete Geschlechternormen zu zementieren.

Literaturverzeichnis

* American Psychological Association. (2015). Guidelines for psychological practice with transgender and gender nonconforming people. American Psychologist, 70(9), 832–864.

https://x.com/marcuse99903226/status/2014216257524953366?s=61

* Turban, J. L., Beckwith, N., Reisner, S. L., & Keuroghlian, A. S. (2020). Association Between Recall of Exposure to Gender Identity Conversion Efforts and Psychological Distress and Suicide Attempts Among Transgender Adults. JAMA Psychiatry, 77(1), 68–76.
* World Health Organization. (2019). International statistical classification of diseases and related health problems (11th ed.).
* World Professional Association for Transgender Health. (2024). WPATH Response to the Cass Review.

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