Warum Traumata nicht die Ursache für trans sind

Die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen vollzieht sich innerhalb eines komplexen Gefüges aus biologischen Dispositionen, psychologischen Reifungsprozessen und sozialen Umweltfaktoren. Wie die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK, 2020) darlegt, ist die Entstehung psychischer Auffälligkeiten in dieser Lebensphase selten auf isolierte Ursachen zurückzuführen, sondern resultiert meist aus einer Kumulation von Belastungsfaktoren wie familiärer Instabilität, sozioökonomischer Benachteiligung und gesellschaftlichem Leistungsdruck. In diesem Kontext ist auch die Entwicklung der Geschlechtsidentität zu betrachten, deren Genese nach aktuellem Forschungsstand als nicht-monokausaler, multifaktorieller Prozess begriffen wird (Univie, o. D.).

Trauma als SEGM-Argumentation

In der klinischen Fachdiskussion wird der Einfluss von Traumatisierungen – insbesondere sexualisierter Gewalt oder früher Bindungsstörungen – auf das Körperbild und die Identitätsfindung untersucht. In der von der SEGM und ihnen nahestehenden Autoren zitierten psychotraumatologischen Studie wird beschrieben, dass eine Ablehnung der eigenen Geschlechtsmerkmale in Einzelfällen als maladaptive Bewältigungsstrategie (Coping) fungieren kann. Ziel dieser unbewussten Dynamik ist es oft, eine mit Schmerz oder Verwundbarkeit assoziierte Opferrolle psychisch abzulegen, indem der als „Zielscheibe“ erfahrene Körper entfremdet oder abgelehnt wird (Kozlowska et al., 2021). Hierbei kann der Wunsch nach einer Transition als reaktives Symptom auftreten, um unerträgliche psychische Spannungszustände zu externalisieren (Korte, 2023).

Demgegenüber betont die seriöse Forschung, dass komplexe Traumatisierungen zwar mit der Identitätsentwicklung interagieren können, jedoch keine generellen Ursachen für Geschlechtsdysphorie darstellen (Springer Link, o. D.).

Statistische Evidenz und Minoritätenstress

Trotz der medialen Aufbauschung von Einzelfällen Detransitionierter, die sich in den Kontext der Anti-Trans-Agitation stellen, die statistische Datenlage stützt die Annahme einer generellen Traumakausalität nicht. Untersuchungen zu Detransitionsprozessen zeigen, dass interne Gründe, wie die nachträgliche Aufarbeitung von Traumata, lediglich bei einem Bruchteil der Betroffenen (rechnerisch ca. 0,65 %) zur Revision einer Transition führen (Turban et al., 2021). Vielmehr belegt das Modell des Minoritätenstress, dass traumatische Erfahrungen bei gender-diversen Personen häufiger eine Folge von Stigmatisierung und Diskriminierung als deren Ursache sind (Meyer, 2003). Historische psychoanalytische Theorien, die Geschlechtsidentität primär auf Kindheitstraumata zurückführten, gelten heute als wissenschaftlich überholt (ResearchGate, o. D.).

Klinischer Fachkonsens und Leitlinien

Die aktuelle S3-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz hält fest, dass keine belastbare Evidenz für einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Traumata und Geschlechtsidentität vorliegt (Thieme Connect, o. D.). Die diagnostischen Standards fordern daher eine individualisierte, ergebnisoffene Begleitung, die zwischen stabilen Identitätsentwicklungen und potenziell traumareaktiven Symptomen differenziert, ohne dabei pathologisierende Vorannahmen zu treffen.

Fazit

Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für die Behauptung, dass ein beliebiges Trauma den Wunsch nach Geschlechtswechsel auslöst. Forschung zeigt eher, dass Geschlechtsidentität eine komplexe, nicht monokausale Entwicklung ist. Trauma kann psychische Belastungen verstärken und die Körperwahrnehmung in spezifischen klinischen Fällen beeinflussen, darf jedoch nicht als universelle Ursache für Transgeschlecht gelten.

Literaturverzeichnis

AWMF / Thieme Connect. (o. D.). S3-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: Diagnostik, Beratung, Behandlung. [https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/138-001](https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/138-001)
BPtK (Bundespsychotherapeutenkammer). (2020). Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen: Ursachen und Risikofaktoren. [https://www.bptk.de/themen/kinder-und-jugendliche/](https://www.google.com/search?q=https://www.bptk.de/themen/kinder-und-jugendliche/)
Korte, A. (2023). Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter. Kohlhammer.
Kozlowska, K., et al. (2021). Attachment, Trauma, and Gender Dysphoria. Clinical Child Psychology and Psychiatry. [https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33435735/](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33435735/)
Meyer, I. H. (2003). Prejudice, social stress, and mental health in lesbian, gay, and bisexual populations. Psychological Bulletin. [https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12956539/](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12956539/)
ResearchGate. (o. D.). Historische Perspektiven auf Geschlechtsidentitätskonflikte. [https://www.researchgate.net](https://www.researchgate.net)
Springer Link. (o. D.). Interaktion von Identität und Traumafolgestörungen. [https://link.springer.com](https://link.springer.com)
Turban, J. L., et al. (2021). Factors Leading to „Detransition“ Among Transgender and Gender Diverse People. LGBT Health. [https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33794108/](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33794108/)
Universität Wien (Univie). (o. D.). Multifaktorielle Ursachenmodelle der Genderdysphorie. [https://utheses.univie.ac.at/detail/51556/](https://www.google.com/search?q=https://utheses.univie.ac.at/detail/51556/)

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