Trans Frau – schuldig!

„Egal!“ (1)

Mein Körper und damit mein Geschlecht sind Gegenstand einer energiegeladenen und öffentlichen Debatte. Ich erinnere an Janice Raymonds Kritik im 1979 veröffentlichten “The Transsexual Empire: The Making of the She-Male” (2), an den Frankfurter Psychoanalytiker Reimut Reiche, der in Hamburg im Oktober 1982 operierte Transsexuelle als „von Menschen kreierte Monster“ bezeichnet hat (3), an die heftige Debatte 1991 in der Hamburger FrauenZeitung (4) oder 2020 an die Kampagnen der Zeitschrift EMMA (5) und Terre des Femmes (6). 

Monika Barz, ehem. Professorin für Frauen- und Geschlechterfragen an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg, zerlegte Mitte 2020 mit gepflegter Analytik meine Existenz (7):
„… In diesem Sinne ist jede Frau, die sich als Mann fühlt nicht krank und gestört. Sie hat ein Recht darauf, als Frau alle Varianten im Gender-Spektrum diskriminierungsfrei zu leben und ihrer gefühlten Geschlechtsidentität selbstbestimmt in Sprache, Kleidung und Verhalten Ausdruck zu verleihen. Sie wird aufgrund ihrer Gefühle und ihres Verhaltens nicht zum Mann. Analog gilt dies für einen Mann, der sich als Frau fühlt. …
… Die Behauptung einer individuellen, von Gesellschaft und Biologie losgelösten Geschlechtsidentität banalisiert die Unausweichlichkeit der biologischen Zugehörigkeit zu einem Geschlecht und verletzt damit die spezifischen Rechte von Mädchen und Frauen auf Schutz vor Gewalt, Ausbeutung und Diskriminierung. …“

Alle diese Texte nutzen als Narrativ, das Patriarchat manifestiere sich in Form von Transsexuellen, die Frauen, ihre Rechte und ihre Räume auslöschen wollten. 

Von dem Moment an, an dem ich weiblich wahrnehmbar war, wurde ich, wie alle anderen Frauen, zum Objekt und hatte keine Möglichkeit, diesem Prozess zu entgehen. Mein Körper, mein Aussehen, meine Kleidung und mein Frau sein wurden und sind Gegenstand von Fremdwertungen, von Herrschaft- und Machtausübung. Meine Ansichten und Meinungen bekamen keinen Raum mehr und verloren ihre Bedeutung. Es war einfacher, ich sagte gar nichts mehr.

Ich erlebte und erlebe so oft, dass ich als Frau gar nicht bin, nicht existiere. Das haben mir meine Eltern gesagt. Einer der immer wieder geforderten, hinterfragenden Therapeuten bescheinigte mir, dass ich keine Frau sei. Es wird immer wieder gesagt, ich bin als Frau falsch und eine Bedrohung. Mit der Begründung, dass ich eine Frau sein wolle, sei eine Gefahr für ihre Entwicklung, wurden mir meine damals 2 und 3 Jahre alten Kinder weggenommen. 

Wenn ich gegen mich als Frau gerichtete Gewalt erlebe, dann denke ich, obwohl ich genau weiß, dass es falsch und gefährlich ist: Ich habe gewollt eine Frau zu sein, deshalb habe ich es nicht besser verdient und ich habe es hinzunehmen.

Ich fühle mich als Frau minderwertig, weil ich amab (8) zur Welt gekommen bin, ein Teil meines Lebens als Junge leben musste, weil ich meine Kinder nicht geboren habe und anderer ableistischer Wertungen meines Körpers oder meines Verhaltens. Manchmal weiß ich nicht, was ich mir mehr nicht verzeihen kann: dass ich nicht als Junge und Mann leben konnte oder dass ich bei meiner Geburt als solcher geboren bzw. einsortiert wurde? Ich fühle mich deshalb schuldig und als Frau wenig wert. Ich schäme mich für meinen Körper und habe Mühe, einen Bezug zu ihm zu bekommen.

Ich werte mich selber immer wieder ab, meistens innerlich und manchmal offen. Ich habe dann kein gutes Verhältnis zu mir und ein besonders schlechtes Verhältnis zu anderen trans Frauen. Das ist internalisierte trans Misogynie. 

Wenn ich mich selber in Gegenwart von cis Frauen abwerte, dann spüre ich, dass ich sie damit verletze und nicht nur mich, wie ich es eigentlich will. Wenn ich meine trans Weiblichkeit abwerte, mache ich das faktisch mit jeder Weiblichkeit, mit allen Frauen. Wenn ich mich als Frau abwerte, werte ich alle Frauen ab.

Alle Menschen, die genderdivers leben, müssen Weiblichkeit leben. Sie sind damit alle patriarchaler Machtstrukturen ausgesetzt. 

Exklusionen genderdiverser Menschen, ob nun trans Frauen und Männer, nonbinäre Menschen oder anderer Geschlechtsdefinitionen wertet Weiblichkeit ab und unterstützt patriarchale Herrschaftsverhältnisse. 

Ein freier, wählender und wertschätzender Zugang zum Frausein, verbunden mit dem Kampf um gleiche Machteilhabe von Frauen und Weiblichkeit lebende Menschen ist im besten Sinne queer und Feminismus.

„Solidarität fängt bei mir, in mir an.“ (9)

Anmerkungen
Weiterlesen zum Thema bei sanczny, „Transausschließender Radikalfeminismus und seine Anti-Trans Tropes„, 03.2015
1 Nils Brüning, Pflegesohn
2 https://janiceraymond.com/fictions-and-facts-about-the-transsexual-empire/
3 Reimut Reiche, „Das Monster Mensch“, Zeitschrift für Sexualmedizin, 12.1982
4 Hamburger Frauenzeitung, Schwerpunktheft „Transsexualität“, Ausgabe H30, 1991
5 Zeitschrift EMMA ab Ausgabe Nr. 348, Seite 50ff, 12.2019
6 Positionspapier von TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V.
zu Transgender, Selbstbestimmung und Geschlecht, 09.2020
7 Prof. Dr. Monika Barz, „Überlegungen zur Debatte um Transgender, Frauenrechte und Mädchenrechte„,Reutlingen, 06.2020
8 amab: assigned male at birth – bei Geburt männlich zugewiesen
Michelle Laise

Dieser Beitrag wurde unter Queer abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.