Cornelia

1962 wurde ich als Mädchen geboren. Bei meiner Geburt wurde mir das falsche Geschlecht zugewiesen. Ich hatte bis 1985 ein Passing und deshalb Privilegien eines Mannes und bezeichne mich als transsexuell.

1984 begann ich mit der Transition. Ich geriet an einen Therapeuten, der an mir eine Konversionstherapie versuchte. In unmittelbarer Folge dieser Maßnahme habe ich zwei Mal versucht, mein Leben zu beenden. Ich habe mein Frau sein weder gewollt, noch habe ich mich dafür entschieden oder es “geplant”. Ich musste lernen, es zu akzeptieren.

Wie die meisten Menschen, habe ich mich in meinem Leben einigen wenigen Operationen unterzogen. Sie hatten den Zweck, meinen Körper gesund zu machen und Teile an die richtige Stelle zu bringen. An mir ist alles biologisch und weiblich. Weder wurde ich irgendwann “umgewandelt” noch “angepasst”.

Es gibt zur Zeit keine wissenschaftlich anerkannte Grundlage für Transsexualität. Nach meinem Kenntnisstand ist aber nichts Übernatürliches in mich gefahren, noch habe ich eine Identität angenommen oder das Patriarchat hat Einfluss auf mich genommen. Das, was ich bin, war ich immer und ich habe keinen Grund anzunehmen, dass es nicht völlig natürlich wäre. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass eine „Ursache“ niemals gefunden werden kann. Die Biologie hat  Transsexualität einfach vorgesehen.

Ich habe eine transsexuelle Sozialisation erlebt. Spätestens als ich im Alter von 14 nachts im Rock durch meinen Stadtteil lief, habe ich mich nicht mehr allein männlich wahrgenommen und sozialisieren lassen. Allerdings habe ich Verhaltensweisen und Interessen, die als “männlich” attribuiert werden können. Über 30 Jahre mit Cis-Privilegien als Frau nachsozialisiert werden, haben in mir allerdings die Überzeugung wachsen lassen, dass das Verhaltens- und Interessenspektrum von Frauen “männlicher” sein kann, als ich es jemals war.

Das Patriarchat hat sich nicht darum geschert, ob ich Y-Chromosomen habe, ob ich mit dem „Faktor des Gebärenkönnens“ gesegnet bin, welche Sozialisation ich hatte und nach welchen „kulturellen Konstruktionen“ ich gedenke leben zu wollen. Patriarchale Unterdrückungsmechanismen in jeglicher Brutalität hat mein Körper vom ersten Tag an erleben müssen, den ich als Frau lebte.

Die Frauenkneipe in Hamburg hat mir 1986 unmissverständlich deutlich gemacht, dass ich in Frauenräumen nicht willkommen und sicher bin. Bis zum heutigen Tage konnte ich meine Angst und Scham, keine „richtige“ Frau zu sein, nicht ablegen. Ich vermeide Frauenräume (einschließlich Toiletten), sofern ich nicht im Vorwege weiß, was mich erwartet und ich sicher bin. In meiner Partei gilt das Frauenstatut schon immer für alle Frauen und ich habe mich in grünen Frauenräumen immer willkommen gewusst.

Weil ich mich schäme, habe ich leider klassische Frauenpolitik gemieden und konnte mich nicht feministisch definieren. Trotzdem habe ich für mein Geschlecht alles getan was mir möglich war, wenn sich die Gelegenheit bot. Über meinen politischen und beruflichen Werdegang aus Frauenperspektive, kann ich jederzeit substanziell Rechenschaft ablegen.

Im Laufe der Jahre verstehe und nehme ich mein Leben als vollständig weiblich wahr. Es gibt bis heute gegengeschlechtliche Fremdzuschreibungen als Vater, Großvater, Exmann, Sohn und an anderen Stellen, die ich respektiere. Auch mein Körper löst immer mal wieder Dysphorien aus.

All das macht mich zu der Frau, die ich heute zum Glück bin. Es gibt Menschen, die mit mir mitgehen wollten oder mussten und sich dann anders entschieden haben. Bei denjenigen, die durch mich enttäuscht wurden, entschuldige ich mich. Den vielen und wichtigen Menschen, die mir auf diesem Weg geholfen haben, bin ich herzlich dankbar. Dass diese Gesellschaft mir dieses Leben ermöglicht hat, dafür empfinde ich ebenfalls Dankbarkeit. Deshalb habe ich mein Leben der Hilfe anderer Menschen gewidmet.

Hintergrundinfos:
Jahrelang war ich im Netz geoutet:
http://transensyndikat.net/info/ordnung.html
Mein Outing hatte viele Hintergründe, einer kommt von Rain Valdez:
https://www.yahoo.com/lifestyle/gave-living-stealth-trans-woman-040007168.html
Hier wird erklärt, warum es mich nicht gibt:
https://diestoerenfriedas.de/warum-radikalfeminismus-nicht-transfeindlich-ist/